POS – Der Wahnsinn an der Kassa

Habe ich als Magazin-Herausgeber oft gegen den “Wahnsinn an der Kassa” gewettert und laut von Kaufzwang, Manipulation und sogar Nötigung geschrien (musste ich ja, sonst wäre es ja kein Spass und ausserdem unglaubwürdig gewesen), so habe ich doch jeden Monat mit offenen Händen die nicht von der Hand zu weisenden Summen der Werbekunden genommen, um meine eigenen Bedürfnisse damit zu stillen. So gesehen war ich eine Edelhure. Wer sonst hat schon 27.000 Freier? Monatlich.

Habe ich dann, als ich die Seiten wechselte und selbst dem einen oder anderen Kunden prächtige Ergebnisse an der Kassa bescherte, sehr wohl den Rauscheblättern die Hosen ausgezogen um die Kosten und Einsparungen zu mini- bzw. maximieren. Was mir natürlich wieder nicht gänzlich ohne “Anerkennung” bleiben sollte. Das Leben als Edelhure hatte schon was. Egal was war, einer zahlte immer die Rechnung.

Heute, wo ich “gesittet” lebe und mich aller Zwänge entledigt habe (ha ha, der war gut), bin ich selbst zum Freier dieser Organisationen geworden. Ich komme einfach nicht am POS vorbei. Auch wenn es irgendwo heisst, “Es ist möglich”, so weiss ICH eines: “Es ist UNMÖGLICH”. Wenigstens für mich.

Wäre ich ein typischer Mann, so einer der es hasst einkaufen zu gehen, hätte ich damit wahrscheinlich kein Problem. Aber ich bin nun einmal kein typischer Mann. Ich gehe nämlich gerne einkaufen. Ausser Dinge die ich unbedingt brauche. Die können warten. Oder ich verzichte gänzlich drauf und mache was Neues.

Mein fast schon perverser Genuss mich in den Supermärkten des Universums herum zu treiben und immer wieder wie ein kleines Kind zu staunen was es so alles gibt (als wenn ich das nicht längst wüsste), zwingt mich natürlich auch jedesmal, mich in die Gefahrenzone im unmittelbaren Bereich der Kasse zu begeben. Ein Marsch durchs Minenfeld, wenn man so will.

Meine Psychiaterin – hätte ich eine (einem Mann würde ich von dieser Sucht nichts erzählen weil er es ohnehin nicht verstehen würde) würde mir sagen, dass diese Touren für mich nur eine Ersatzhandlung für was auch immer sind. Mein Gott! Ich bin eine einzige, wandelnde ERSATZHANDLUNG! Deckel drauf. Besser Ersatz als überhaupt nicht auf der Bank. Oder so.

Sei´s drum. Da stehe ich nun wieder. Am POS. Dem Point Of Sale, wie es so schön heisst. Jenem Platz am Ende der Nahrungskette, an dem der wahre Krieg stattfindet. Wäre ich jetzt in Amerika, dann hätte ich zwar ebenso einen vollen Einkaufswagen, aber gute Chancen relativ rasch durch die Gefahrenzone geschleust zu werden, weil eben hundert Kassen offen hätten. Egal ob Kunden in der Hütte wären oder nicht. Hier zu Lande sieht das aber anders aus. Hier schreit der sechsunzwanzigste der Schlange zum elften Mal nach vor man möge doch ´ne zweite Kassa öffnen.

Dieser Umstand gibt einem natürlich ausreichend Zeit darüber nachzudenken, ob man noch etwas vergessen hat, oder ob man nicht doch den Wagen einfach stehen lässt und einfach durch die Mitte abhaut. Was man dann doch nicht tut weil man sonst um das Erlebnis Einkauf gebracht wäre und nur seine Zeit vergeudet hätte. Also steht und wartet man. Und irgendwann nähert man sich dem Point of No Return.

Hat man einen guten Tag erwischt und Glück gehabt, hat man sich brüllende Kinder, die ihren heillos überforderten Eltern (und allen anderen) alles abverlangt haben erspart und konnte sich aufs Wesentliche konzentrieren. Zum Beispiel darauf, dass der Schokoriegel X gerade mal 34g hat und bei einem Kilopreis von 13 Euro um 0,17 Cent günstiger ist als die Schnitten mit 76g, von denen ein Kilo nur 7,90 kostet. Was im Vergleich zu den Kokosstangen mit 57g um 69 Cent dann doch wieder nicht so preiswert ist und man doch eher die Gummiware (nicht die Kondome) um 1,20 mit 96g ins Auge fasst. Einkaufen kann echt anstrengend sein. Für Körper UND Geist.

Es ist höchst interessant sich alle Preisauszeichnungen so richtig auf der Zunge zergehen zu lassen und sich des Umstands bewusst zu werden, dass man selbst einmal Teil dieser Irrenanstalt war und heute völlig fassungslos vor einem Schilderwald steht, der absolut überflüssig ist weil sowieso kein Mensch gewillt ist, sich damit wirklich zu befassen. An der Kassa wird einfach gekauft. War immer so, ist so und wird immer so sein.

Nachdem ich es jetzt nach gefühlten 57 Minuten endlich geschafft habe und meine Ware auf ein Förderband legen darf, das gerade mal so lange ist um seine Milch, sein Müsli und ein paar weitere kleine, unbedeutende und absolut nicht notwendigen Dinge darauf unterzubringen ohne den Überlastungsschutz auszulösen, bin ich nun mitten drin im Minenfeld. Fast regungslos stehe ich da und starre nur auf das was sich mir bietet. Es schreit mich förmlich an genauer hin zu sehen und mich endlich zu entscheiden. Sobald die Ware vom Band ist, ist es zu spät für mich. Dann gibt es kein zurück mehr. Weil schon der nächste Freier angemacht wird. Jetzt oder nie. Ich habe nur diese eine Chance. Kauf oder verlasse meine Hallen unbefriedigt.

Wie immer entkomme ich dem Schrei des Regals nicht und greife rasch nach der XL-Schokobanane mit sagenhaften 22g um 45 Cent. Ein echtes Schnäppchen. Wenngleich ich keine Zeit mehr hatte die Preise wirklich zu vergleichen und ich nicht weiss, ob die Kekse mit 67g um 99 Cent am Ende nicht doch der bessere Kauf gewesen wären. Oder hätte ich doch den Mini-Wodka um 2,50 nehmen sollen um den Wahnsinn einfach zu vergessen? Ich will nur mehr raus und in die Banane beissen.

vanilleblau tagged this post with: , , Read 1471 articles by
2 Statements Dein Statement
  1. Lauffrau sagt:

    Was mich daran am meisten interessiert: Wie hat dieses Bananending geschmeckt? :-)

  2. vanilleblau sagt:

    @Lauffrau: Einfach köstlich. Ich liebe dieses chemische Chiquita-Zeugs da drin und könnte eine ganze Schachtel auf einen Sitz verdrücken :)

Hinterlasse dein Statement




FÜR WEINFREUNDE & GENIESSER

STICHWÖRTER