Sylter Sand und edler Hopfen

Zugegeben, mit Sylt habe ich bisher immer nur drei Dinge verbunden: Sand und Strandkörbe. Und natürlich den Jet-Set vergangener Tage. Diese Sandbank selbst einmal zu besuchen ist mir deswegen auch nie wirklich in den Sinn gekommen. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich wohl alles “friesische” zwangsläufig mit Otto verbinde.

Gestern wurde aber meine Weltanschauung diesbezüglich gehörig durcheinander gewirbelt. Und zwar durch ein Bier. Als Österreicher muss man ja zwangsläufig auch Biertrinker sein. Man wird fast aufgezogen damit und da ich für meinen Vater früher immer der sonntägliche “Versorgungsoffizier” war, kam ich in Folge natürlich auch irgendwann nicht mehr daran vorbei. Bis heute habe ich mich dann durch gefühlte 496 Sorten aus aller Welt gekostet und glaube, dass ich ein wenig über Biere weiss. Doch gestern wurde ich eines besseren belehrt. Und damit bin ich wieder zurück auf Sylt.

Ich habe nämlich nicht gewusst, dass auf Sylt auch Hopfen angebaut wird. Seit heute bin ich gescheiter und weiss, dass es das Sylter Hopfen gibt. Ich habe nämlich so ein “Kunstwerk” bekommen und dazu sogar noch ein spezielles “Hopfen-Destillat”. Destilliert aus dem Gourmetbier, mit 46 schlanken Prozenten in der Flasche.

Ich bin ja eindeutig ein Freund kleiner Privatbrauereien die nicht auf Massgeschmack konditioniertes Bier produzieren, die sich ihre Eigenständigkeit bewahren und bewahrt haben. Ich liebe Biere die nicht einfach nach einer globalen “Zauberformel” produziert werden um das Volk damit so billig, seelenlos und effizient wie möglich abzufüllen. Okay, dafür kosten diese an den Grundzutaten oft nur “vorbeigetragenen” Flüssigkeiten nichts. Aber wer will schon nichts schmecken und letztlich nur aufgrund der Kohlensäure seinen Rülpser rechtfertigen?

Ich mag Charakterdarsteller und das Sylter Hopfen ist so einer. Kein Massenbier das man in jedem Laden erhält, sondern ein wirklich feines Gourmet-Gebräu von dem es von der Ernte 2010 nur 20.000 Flaschen gibt. Zu beziehen exklusiv über einen eigenen Online-Shop. Das nennt man echtes Nischenleben. Gerade deshalb wird dieser Trunk auch erfolgreich in alle Herren Länder verschippert und nur einer sehr überschaubaren Klientel zugänglich gemacht. Mir wurde die Flasche mit der Nummer 05118 überreicht, was darauf schliessen lässt, dass ich noch eine reale Chance habe vielleicht eine weitere zu erstehen.

Dass diese Limitierung ihren Preis hat ist wohl selbst dem grössten Anti-Mathematiker klar. Knappe 20 Euro für eine Flasche Bier ist nicht übel. Wenn man jedoch bedenkt was man als Gegenwert erhält, dann relativiert sich dieser Preis rasch wieder. Gibt man für exotische 0,3er-Biere (bei denen man nicht immer weiss was wirklich drin ist) schon mal vier und mehr Euro aus, dann stehen die 0,75 Liter dieses edlen Trunks in einem anderen Licht da. Auf den ersten Blick denkt man auch nicht an Bier sondern an Champagner und jeder weiss, dass dieser Spass nicht unter 20 Euro zu bekommen ist. So er halbwegs “spassig” sein soll. Dieses Bier jedoch ist wahrlich ein Champagner unter den Bieren. In einem ebensolchen Gebinde und mit eben soviel Inhalt. Wann schenkt man sich schon ein Bier aus der Champagner-Flasche ein?

Natürlich ist das Sylter Hopfen nicht für den ordinären Boxkampf oder das Fussballmatch am Sonntag Nachmittag gedacht, was aber nicht heisst, dass man es nicht auch dazu geniessen kann. So der Boxkampf oder der planlose Kick es zulassen. Wer sich eine Flasche Sylter Hopfen dazu aufmacht darf sich dann als wahrlich “dekadent” bezeichnen. Sagte schon der geniale Oscar Wilde “Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.”, so träfe es in diesem Fall den Nagel auf den Kopf. Wenn schon Blut im Fernsehen fliesst, dass sollen zuhause wenigstens die Korken knallen. Bei aller Exklusivität sollte man aber auch noch wissen, dass Thomas Kipka, seines Zeichens Braumeister und Geschäftsführer der Westindien Compagnie, das Sylter Hopfen aus Gründen des Umweltschutzes nicht auf Sylt sondern in Flensburg braut. Rücksichtnahme kann so einfach sein und geht weit über einen wertlosen grünen Kleber am Produkt hinaus.

Wer dann die Flasche endlich sein eigen nennen darf, der überlegt sich zweimal ob er sie gleich heute “köpfen” soll, oder doch erst nächsten Freitag, wenn die Eltern, Verwandte oder sonstige trinkfreudige Kumpel kommen um diese Rarität mit ihnen zu teilen. Ich habe mich dazu entschieden sowohl die Flasche wie auch das Hopfen-Destillat mit meinem Kumpel aus Düsseldorf zu teilen. Sinnigerweise beim Fussballmatch Deutschland gegen Österreich. Das ist Brutlität pur.

Da er selbst das Bier auch noch nicht kannte, wurde es von ihm mit einer derartigen Ehrfurcht getrunken, dass es schon fast peinlich war. Normalerweise hat er nicht das geringste Problem ein “Seidel” (wie wir 0,3l hier bezeichnen), zu “entsorgen”. Am Sylter Hopfen hat er genuckelt wie eine Frau an ihrem Martini. Nichts gegen Frauen. Und schon gar nichts gegen einen Martini! Aber soviel Respekt vor einem Bier habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Das sehe ich sonst nur bei Weinverkostungen.

Das Bier zischt, prickelt und perlt richtig auf der Zunge. Es ist leicht und feingliedrig auf der Zungenspitze, wie ein guter Champagner. Man spürt richtig Leben in diesem Gebräu. Edel, feinherb, etwas fruchtig und schön lang im Abgang. Das ist echter imperialer Genuss. Ein Mittelding zwischen Bier und Champagner, “Champier” oder “Bieragner”, oder so. Im Glas perlt es, dass es eine Freude ist. Schön bernsteinfarben, mit einer leichten und vor allem feinen bräunlichen Krone steht es in der Tulpe. Ein Banause jeder, der dieses Bier aus einem anderen Glas schlürft.

Entsprechend überschwänglich war auch seine Reaktion. “Ist ja geil, unpackbar, das ist ja voll ein Zaubertrank” kam über seine Lippen und ein an leichte Debiliät grenzendes Grinsen untermauerte diese Begeisterung. Ob das an der Süffigkeit des “Hopfens” gelegen hat oder am feinen Perlenspiel am Gaumen vermag ich nicht zu sagen. Er war jedenfalls nicht in der Lage sich entsprechend zu artikulieren.

Was das Hopfendestillat, welches auch geöffnet wurde, angeht kann ich nur sagen: WOW, die 46% machen mächtig Feuer auf der Zunge und hauen richtig rein. Viel Geschmack, wahnsinnig voller Abgang und ein langer Nachhall besorgen eine schöne angenehme Wärme in Mund und Magen. Ein richtig guter Bierbrand und ein echtes “hopfiges” Feuerwasser für Erwachsene. Nichts für Pipiwasser-Trinker und schon gar nichts für Eierlikör-Fans.

Alles in allem habe ich es am Ende zwar ein ganz klein wenig bereut nur die Hälfte dieses genialen Biers getrunken zu haben, aber es hat trotzdem die Freude überwogen zu sehen, wie ein geeichter Biertrinker dermassen ins Schwärmen kommen kann. Und das ist auch das Schöne an Getränken wie diesem. Dass man Freude erleben, schmecken und sogar sehen kann. Wenn zwei Erwachsene wie mein Kumpel und ich sich wie zwei kleine Kinder über ein Glas Bier freuen können, dann sagt das einiges über das Produkt aus. Wobei, es als solches zu bezeichnen dann schon wieder respektlos wäre.

Fazit war: Das Bier und das Hopfendestillat waren ein voller Erfolg und mein Budddy hatte das zusätzliche Vergnügen, dass die Deutschen die Ösis mit 6:2 vom Platz gefegt haben. Dank diesem tollen Bier hielt sich der Schmerz jedoch in Grenzen und ein zweites Hopfendestillat säuberte die Wunden wie von Zauberhand.

Tipp: Hier gibt es mehr über das imperiale Sylter Hopfen.

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2 Statements Dein Statement
  1. Spanksen sagt:

    Wow, was für eine Lobeshymne für unser Sylter Bier! Ich muss zugeben, dass ich es selbst noch gar nicht probiert habe, aber wenn man bedenkt das du in Kampen schon fast 20 € für 0,3 Jever zahlst dann ist das Bier wahrlich nicht besonders teuer ;-) Auf alle Fälle hast du mich unheimlich neugierig gemacht, werde mir den Tropfen heute besorgen lassen für ein ganz besonderes Spiel am 06.09 – Türkei gegen Osterreich ;-)

  2. vanilleblau sagt:

    @Spanksen: 20 Euronen für 0,3l Jever? Das ist ein Scherz, oder? Aber das Sylter Hopfen ist wirklich absolut klasse. Ich war ehrlich überrascht weil ich sowas von Bier noch nicht kannte. Unbedingt probieren. Die Kohle ist es mehr als wert.

    Was Österreich-Türkei angeht, da nehm ich lieber wieder Industriefusel. Alles andere wäre dazu wie Perlen vor die Säue werfen :-)

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