Tatort Feinkost-Theke

Ab und zu überkommt mich ein Heisshunger auf etwas völlig Banales. In meinem Fall kam der Flash heute am späten Vormittag. Ich eilte rasch die Stiegen runter um mir beim Bäcker gegenüber zwei frische Semmeln zu organisieren. Um diese aber so zu gestalten, dass sie mein Verlangen auch befriedigen konnten, musste ich in den hundert Meter weiter entfernten Supermarkt düsen. Da stand ich dann, vor mir drei Leute die gerade ihren Einkauf an der Feinkost tätigten. Es stört mich auch nicht sonderlich wenn ich etwas warten muss. Nutze ich doch diese Gelegenheit immer wieder um die Menschen zu beobachten. Berufskrankheit, unheilbar.

Im heutigen Fall war es dann wieder einmal interessant zu beobachten, wie die Leute sich im wahrsten Sinn des Wortes “über die Theke” ziehen lassen. Gut, wäre ich Geschäftsführer eines Supermarkts bzw. Eigentümer, würde ich wahrscheinlich die selbe Strategie ausgeben. Nämlich jene, die jede Verkäuferin hinter der Theke als erstes lernt. Den ominösen Satz “Darf´s ein bisserl mehr sein?” mit einem Lächeln im Gesicht zu fragen.

Im Grunde genommen nichts verwerfliches. Man kann nicht immer hundert Prozent aufs Gramm genau dosieren. Keine Frage. Wenn man aber mit ansehen kann, dass systematisch weiter geschnitten und aufgelegt wird wo doch die Waage vor dem Auge der Verkäuferin schon lange über der gewünschten Menge liegt, dann hinterlässt das immer wieder einen bitteren Geschmack bei mir. Noch interessanter ist es aber zu beobachten, dass jene Leute die dies ebenso beobachten nicht in der Lage sind ihren Mund zu öffnen und einfach STOP zu sagen. Ganz im Gegenteil, hat es doch eher den Anschein als würden sie nur darauf warten endlich die Frage aller Fragen gestellt zu kriegen. Nämlich, “is´ a bisserl mehr word´n. 13 Deka sind ok?”. Um dann ein joviales “passt scho” zu verkünden und als glückliches “Opfer” mit einem Lächeln von dannen zu ziehen.

Das faszinierende daran ist, dass keiner auch nur den kleinen Finger hebt und einmal leise Widerstand leistet. Es ist – und das ist ein typisch österreichischer Wesenszug – dieser vorauseilende Gehorsam und die Buckelei gegenüber jeglicher Obrigkeit. Egal ob es der Herr Filialleiter, der Herr Kommerzialrat oder eben nur der Hüter und Beschützer der Feinkost ist. Einerseits muss ich jedes Mal wieder in mich hinein schmunzeln und andererseits regt es mich ungemein auf.

Nachdem die drei vor mir dann alle mit dem gleichen Schmäh “bedient” worden sind und mit ca. 70% mehr von dem als sie eigentlich wollten abgefertigt waren, war endlich ich an der Reihe. Die Ingredienzien zu meinem absoluten Glück warteten bereits darauf bestellt werden zu dürfen. 10 Deka Extrawurst und ebenso viel Emmentaler. Soviel zu meinen Gelüsten. Das Prädikat “Feinkost” nicht wirklicht verdienend war dies dann doch eine Bestellung, die die Fachkraft hinter der Theke an den Rand ihrer Belastungsgrenze brachte und mich angespannt darauf warten liess, wieviel ICH denn nun “aufgebrummt” bekäme. Gespannt sah ich auf die Waage, ihr ins Auge, und wieder auf die Waage. 8 Deka, 9,20, 10,10, 11,30, 12,20. Endlich. Fertig. “Is´ a bisserl mehr word´n. Passt des?”

Im gleichen Augenblick sah sie mich mit aufgerissenen Augen an und wusste tatsächlich nicht wie sie jetzt reagieren sollte. Ich sagte nämlich: “Nein. Ich wollte 10 und nicht 12 Deka.” Wortlos entfernte sie den “Überschuss” – auf jener Waage übrigens, die ihr schon vorher aufs Gramm genau anzeigte, dass sie weit darüber lag – und wickelte die 10 dann ins Papier. “Darf´s noch was sein?”, fragte sie ein wenig unfreundlicher als zuvor. Obwohl ich schon sagte was ich wollte, sagte ich ihr erneut “10 Deka Emmentaler noch, bitte.”

Amüsiert sah ich ihr wieder zu wie sie geschmeidig den Käse schnitt, der, hätte sie es noch dünner geschafft, anstandslos als Streichkäse durchgegangen wäre. Scheibe für Scheibe (eher Folie), Gramm für Gramm. 8 Deka, 8,70, 9,50, 10,30, 11,20, fertig. “Sind 11 OK?” war natürlich die unvermeidbare Frage und zu ihrem totalen Unmut sagte ich wieder “Nein.” Worauf sie sich ein Herz fasste und mich fragte: “Nehmen Sie es immer so genau?”

Ich sagte: “Nein, im Grunde nicht. Nur wenn ich nicht gerade super drauf bin und mich die Systematik hinter einer Sache anstinkt. Würden Sie nicht sehen, dass sie bereits weit über dem sind was ich eigentlich bestellt habe, dann OK, soll sein. Wenn ich allerdings fast täglich beobachten kann wie Sie sehenden Auges einfach weiter die Waage beschweren und dabei genau wissen, dass sie mir mehr “aufzwingen” als ich will, dann fällt bei mir der Schranken. Dass es nicht immer genau 10 Deka sein können ist mir durchaus klar. Dass ich aber regelmässig um 20-30% mehr kaufen und damit auch mehr zahlen soll, sehe ich beim besten Willen nicht ein.” Worauf von hinten ein vorwurfsvolles “Jetz´ sans do ned so kleinlich. De zwa (zwei) Deka machen ihna a ned ärmer.” kam.

Antwort erhielt der Typ dann keine von mir. Nur ein mildes und müdes Lächeln. Sind es doch genau jene die sich permanent darüber beschweren, dass alles immer teuer wird. Um im gleichen Augenblick mit einem Lächeln im Gesicht ein “Passt scho” der Verkäuferin zu zu blinzeln, wenn ihnen wieder einmal 20 oder mehr Prozent einfach “auf´s Auge gedrückt” werden.

Die Moral von der Geschichte:

Es geht mir nicht um 1 oder 2 Deka mehr oder weniger. Es geht mir auch nicht um die 20 oder 40 Cent mehr oder weniger. Ich verpulvere wesentlich mehr Geld für wesentlich unnützere Dinge als für Extrawurst und Emmentaler. Ich rege mich auch nicht wirklich darüber auf. Es geht mir einfach ums Prinzip und um die Tatsache, dass ich mich nicht gerne und vor allem permanent systematisch mit etwas abfinden und dazu einfach die Klappe halten soll. Nur weil es halt so ist. Das halte ich für Nötigung.

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