Mentaler Exhibitionismus

Manchmal wünsche ich mir die Zeiten zurück als Handy-Telefonieren noch so teuer war, dass man es sich dreimal überlegte immer und überall, zu jeder Tag- und Nachtzeit irgendwo, irgendwen anzurufen. Als sich “mobile” Gespräche noch auf das beschränkten was wichtig war und der Sinn von “Erreichbarkeit” tatsächlich auch diesem entsprach. Irgendwie hatte das noch was.

Heute stehe ich beim Bäcker, vor mir ein abgefuckter Typ mit struppiger, ungepflegter Mähne, mit zerschlissener Hose und – an den Schuhen sollt ihr sie erkennen – ebensolchen, die sich gerade noch von selbst zusammen hielten. Kein Businessmensch also und auch kein Mensch der generell auf eine gewisse Pflege achten dürfte. Dafür aber mit einem blau blinkenden Stoppel im Ohr. Das Gespräch, das so unwichtig wie uninteressant war, dafür aber in einer Lautstärke geführt wurde, das einem Airbus Konkurrenz macht war es, welches die Leute – und mich – in Rage brachte.

Wenn man gezwungen ist auf engem Raum in einer Menge von Leuten zu stehen und zu warten, dann kann es einem schon gehörig auf den Nerv gehen wenn sich irgendwelche Pseudo-Unabkömmliche bemüssigt fühlen den Obermacker zu geben und ihren mentalen Exhibitionismus auszuleben. Und zwar auf eine Art und Weise welche an audiovisuelle Körperverletzung grenzt. Ich wollte dem Typen schon sagen er solle seine Fresse halten und besser Muttern bitten ihm endlich neue Schuhe zu kaufen. Angesichts der Enge des Raums habe dann aber ich meine Fresse gehalten.

Manchmal wünsche ich mir, dass solchen Menschen einfach der Knopf im Ohr explodiert. Mitten in der voll besetzten U-Bahn. Das wär´ mal echtes Kino.

vanilleblau tagged this post with: , , Read 1472 articles by
3 Statements Dein Statement
  1. Cassy sagt:

    Wenn man schon sonst nichts hat, womit man Aufmerksamkeit erregen kann, dann doch wenigstens durch Lautstärke. Solche Individuen sind die Filzläuse der Mediengesellschaft mit der sozialen Kompetenz einer Glaswollmatte.

    Die Vorstellung mit dem Explodieren gefällt mir sehr gut! :D

  2. mendweg sagt:

    Was für ein Thema…
    Ich bin da inzwischen rigoros und knall solchen Lärm-Telfonterroristen einen vor den Bug. Ein kurzes Fingerschnippen auf das Bluetoothgerät hat schon geniale Effekte gehabt. Ansonsten einfach umdrehen und ohne Warnung anschreien.

    Selbiges mache ich mit Ranpressern in Warteschlangen. Mein Lieblingsspruch: “Danke – ich möchte jetzt keinen Sex. ich hatte heute schon!” Da man meistens nicht weiss wer da hinter einem steht, kann das auch recht überraschend werden. Letzte Woche war es ein Arabischer Familienvater :-)

    Hilflos bin ich allerdings bei Menschen, die in irgendwelchen Läden plötzlich neben mir reden und denen ich höflich antworten möchte. Natürlich reden die dann nicht mit mir sondern sind auch beknopft.
    Vielleicht sollte ich mir einfach eine kleine Taschenlampe ins Ohr stecken und selber Geschichtenerzählend durch die Welt laufen – heutzutage scheint man wegen so einem Verhalten ja wohl nicht mehr in die geschlossene Anstalt zu kommen…

  3. vanilleblau sagt:

    @Cassy: Du sagst es. Das mit der sozialen Kompetenz von Glaswollmatten muss ich allerdings noch genauer untersuchen LOL

    @mendweg: Da tun sich ja wahre Optionen auf LOL

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